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Der in Berlin und Würzburg lebende Fotograf Ansgar Noeth (Jahrgang 1967) konzentriert sich in seinen ausschließlich figurativen Arbeiten zumeist auf christliche oder religiöse Themen. Kaum gekannte Heilige wie St. Gomera oder St. Eulalia finden sich in seinen Werken ebenso wie bekannte Hauptdarsteller biblischer Geschichten, so zum Beispiel Adam und Eva, Samson, Jakob, oder Kain und Abel. Auch Bezügen zur Kunstgeschichte begegnet man in Noeths Fotografien häufig, seien es eher offensichtliche, wie bei seiner Darstellung des letzten Abendmahls (Last Supper, 2009), die das bekannte Gemälde von Leonardo DaVinci offensichtlich zitiert und „entrümpelt“, sagt der Künstler „aufs Wesentliche konzentriert“, oder subtilere, wie zum Beispiel bei der Serie „Drei Frauen“, in der nur Kundige die klassische Körperhaltung der geweißten Modelle als typische Pose mittelalterlicher Heiligendarstellungen von Lukas Cranach oder Hans Baldung erkennen dürften.

©Ansgar Nöth, Foto: Cain and Abel

©Ansgar Nöth, Foto: Cain and Abel

Ausgestoßene, Verratene und Vergessene haben es dem Künstler besonders angetan. Batseba, die Frau eines Kriegers, den König David in eine aussichtslose Schlacht schickt, um sie selbst zur Frau nehmen zu können, wird darüber wahnsinnig - in apokryphen Schriften nimmt sie sich das Leben. Noeths Portrait lässt sofort an die Kriegerwitwen des Kosovokonflikts denken und spannt den Bogen zum Irakkrieg oder zum Kampf um Selbstbestimmung der Frauen im Iran. David, im Bild als noch junger Mann, fast noch ein Kind, tötete Goliath – er wirkt mit der blutigen Waffe in der Hand (hier keine Steinschleuder sondern eine Machete in Anspielung auf das Haupt“werkzeug“ des Hutu-Tutsi-Genozids) verstört über das, was geschehen ist – man blickt ins Antlitz eines mordgewohnten und in all dem Elend zutiefst verunsicherten Kindersoldaten. Moderne Bezüge finden sich in Noeths Arbeiten nicht nur in geschichtlicher Hinsicht, sondern auch in Bezug auf seine Modelle.

©Ansgar Nöth, Foto: David

©Ansgar Nöth, Foto: David

„Ich suche bewusst moderne Menschen, viele meiner Modelle sind tätowiert und gepierct oder tragen Nietenarmbänder und sonstigen Schmuck, der sie fest in der Jetzt-Zeit verankert. Narben zeugen von persönlichen Katastrophen oder Selbstverstümmelung, solche Male machen das Modell für mich erst greifbar, holen es in seiner ureigenen Autobiographie ab,“ betont der Künstler. Leid oder Schicksal der dargestellten biblisch-historischen Figur wird über diese Verpersönlichung in die heutige Zeit geholt, zeigt die Portraitierten als Repräsentanten eines sich immer wiederholenden Schicksals. So sind Adam und Eva die Symbolmatrize des sich sehnenden, liebenden Paares, das durch die Jahrhunderte durch Konflikt, Schicksalsschlag oder einfach die gesellschaftliche Entwicklung, die über die Zweisamkeit hinwegfegt, immer wieder die Vertreibung aus dem Paradies erfährt.
Noeths Bilder nackter Frauen in Heiligenpose wurden von einer Kritikerin anlässlich einer Ausstellung in der französischen Bildermetropole Epinal bereits als „zutiefst feministische Arbeit“ bezeichnet: So sind St. Gomera, St. Julia und St. Eulalia drei heilige Frauen, die als Mitglieder früher Christengemeinden das Martyrium des Kreuzestodes erlitten. Alle drei wurden deshalb bis ins Hochmittelalter immer wieder als am Kreuz hängende Frauen in bildlichen und skulpturalen Darstellungen verehrt. Ein päpstliches Edikt, das im 13. Jahrhundert erging, stellte allerdings klar, dass der Kreuzestod nur noch Darstellungen des Herrn selbst vorbehalten sei - ungeachtet Tausender, die ebenfalls so litten und starben. Im darauf folgenden Bildersturm verschwanden daraufhin sehr viele der weiblichen Darstellungen des Kreuzestodes, so dass sie heute sehr selten und gesuchte Unikate sind.

©Ansgar Nöth, Foto: Three Women

©Ansgar Nöth, Foto: Three Women

Die "Drei Frauen" zeigen ihre Stigmata, die Wundmale der Kreuzigung. Weiß gekalkt sind sie dem anonymen Massengrab entstiegen. Die Bilder thronen als luftige Glasstelen in wuchtigen Granitsockeln. Die Portraitierten selbst wirken souverän und selbstbewusst, sie zeigen, dass auch ihre historischen Gegenstücke für eine Weltanschauung, für ihren Glauben gelitten haben und gestorben sind. Bewusst wurden auch hier drei tätowierte und gepiercte Modelle, moderne Frauen, gewählt, als Verweis auf Schmerz und Weltanschauungsfragen unserer Zeit.

Eine große Besonderheit von Noeths Werken, die in zum Teil aufwändigen Inszenierungen im Studio entstehen, ist die Verwendung einer speziellen Drucktechnik, bei der die Fotografien mit Echtpigmenten direkt auf eine Glasoberfläche aufgebracht werden. Dies verleiht den oft lebensgroßen Bildern, die häufig frei stehend in massiven Sockeln aus Granit oder Beton präsentiert werden, trotz ihres nicht unerheblichen Gewichtes eine fast zerbrechliche Leichtigkeit. Transparenzen im Druckbild sorgen außerdem dafür, dass sich das Licht durch das Bild hindurch den Weg bis auf die Wand bahnen kann – die dabei entstehenden Schattenwürfe verleihen den Bildern eine weitere, auf den ersten Blick nicht unbedingt offensichtliche Tiefe. Durch die Wahl christlicher Motive für seine Glasbilder zitiert der Künstler bewusst auch die auf den Effekt des Durchlichts angewiesenen Kirchenfenster oder mittelalterliche Hinterglasmalerei.

So ist er auch immer wieder angesprochen worden, ob seine Werke nicht auch als Fensterbilder taugen könnten. „Die Technik würde es möglich machen, da sie ursprünglich für Architekten entwickelt wurde, um farbig gestaltete Außenfassaden aus Glas möglich zu machen. Sie ist demnach lichtfest und belastbar“ sagt Noeth. Ein entsprechendes Angebot, dass ihn auch thematisch fordern würde, habe er aber bislang nicht bekommen.

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